Februar 10, 2018

Leseprobe “Treats: Saitenhiebe”

Scarlett Eden

Kapitel 1

Die Band hörte auf zu spielen, als die hohe E-Saite seiner Gitarre riss.
Der kleine rote Schnitt auf Bryans Handrücken tat kaum weh, aber der Schreck knallte wie ein riesiges Gummiband gegen seine Knie.
Oh shit. Das Zittern in seiner Kehle hatte das Potential für einen waschechten Nervenzusammenbruch.
Er konnte die Blicke der Zuschauer brennen spüren. Keiner von ihnen wirkte überrascht oder barmherzig – sie waren wütend.
Seine Bandmitglieder starrten ihn an, als wünschten sie sich, er würde in der Luft zerplatzen. Steve schaltete nicht einmal das Mikrophon aus, bevor er sprach.
«Wäre besser, wir würden ohne dich weitermachen.»
Den Satz hatte Bryan in seinen Alpträumen schon oft gehört. Warum wachte er nicht auf? Die Hitze in seinen Wangen glühte intensiver als die roten Bühnenlichter. Bei den zustimmenden Lauten aus dem Publikum hätte es sich auch um lange Nägel handeln können, die seine Füße an Ort und Stelle fixierten. Der ganze Abend war ein Desaster.
«Dauerhaft», sagte Steve und schaute über seine Sonnenbrille. «Du bist raus aus der Band.»
Bryan drehte sich hilfesuchend zu seinen Kollegen, aber sie schauten weg, als sein Blick sie berührte. Er konnte sich nicht bewegen.
Vielleicht würde ihn gleich jemand von der Bühne zerren oder gammliges Obst werfen. Alles wäre besser gewesen als die drückende, schmerzhafte Stille, die sich in ihm ausbreitete. Aber niemand nahm Obst mit in einen Nachtclub.
«Ich habe die Band gegründet», sagte er schwach.
Die erste Reihe würde ihn auch ohne Mikrophon hören, aber er glaubte nicht, dass seine Blamage dadurch größer wurde. Schlimmer ging es kaum – und dann noch vor viel zu vielen Leuten. Zum Glück hatte er Sarah nichts von seinem Auftritt erzählt.
Steve ignorierte seinen Einwand und drehte sich wieder zum Publikum. Als Sänger riss er problemlos sämtliche Aufmerksamkeit an sich.
«Hey, Leute! Einen großen Applaus für Bryan, unser Nachwuchstalent! You go, Bryan!»
Das Gelächter und höhnische Klatschen merkte er sich für seine persönliche Hölle. Es waren die längsten Sekunden seines Lebens.
Er musste wohl dankbar sein, dass sich sein Fluchtinstinkt überhaupt noch einschaltete. Er hob seine Gitarre, um das Gesicht dahinter zu verstecken und hastete von der Bühne – einfach durch die Menge. Nicht zurück in die Requisite, wie es jemand getan hätte, der bei vollem Verstand war. Der Boden unter ihm gab nicht nach und riss ihn auch nicht in einen Abgrund ohne Wiederkehr. Leider.
Die Band spielte weiter. Ohne ihn.
Die Jungs waren schon den ganzen Abend böse auf ihn gewesen. Seit sie gemerkt hatten, in welchem Club Bryan ihnen einen Auftritt organisiert hatte. Dabei hatte er es nur gut gemeint. Er wohnte erst seit ein paar Monaten hier, also konnte niemand von ihm verlangen, jede einzelne Bar zu kennen.
Da spielte man einmal den falschen Song und riss ein paar Tonkabel aus der Anlage und schon wurde man gleich bei einem kleinen Patzer aus der Band geschmissen. Aus der eigenen Band. Auf solche Pfeifen konnte er verzichten.
Bei den ganzen bunten Schnipseln und den vielen Füßen war das Schachbrettmuster der Tanzfläche kaum noch zu erkennen. Jede Person, an der er vorbeikam, betrachtete ihn amüsiert, mitleidig oder mit fragendem Gesicht. Scheinbar hatten sich alle eine Meinung über ihn bilden können. Es war der Abend, an dem er von Leuten verurteilt wurde, die Lack und Leder trugen – und für die glitzernde Bodylotion eine Lifestyle-Entscheidung war.
Bryan fielen nur zwei Möglichkeiten ein, sich von diesem Rückschlag zu erholen. Entweder er schloss sich im Klo ein wie ein heulendes kleines Mädchen oder er spülte die Blamage an der Bar herunter – wie ein Mann. Da die Schlange an der Toilette zu lang war, hieß es: auf zur Bar. Allerdings musste er sich bis dorthin erst durchkämpfen.
Dass die gute Laune in den Club zurückkehrte, weil die Musik aus den Lautsprechern nicht mehr nach Katzenjammer klang, war unangenehme Selbstbestätigung. Er hatte es so richtig versaut. Das war es dann mit seiner Indie-Rockband. Sie klangen sogar richtig gut ohne ihn. Autsch.
Hoffentlich konnten alle irgendwann vergessen, was eben passiert war.
Auf der Tanzfläche war es so laut, dass Bryan sich kaum noch denken hören konnte. Zumindest dafür war er dankbar.
Paare und Singles tummelten sich in einem Pool aus Nebel, Schwarzlicht und Schweiß. Als Bryan die Arme hob, um sich durch die engsten Lücken zu quetschen, schlug ihm Hitze ins Gesicht. Er wollte nur durch. Im Leben würde er nicht in diesem Club tanzen. Wie hatte er nicht gleich bei seinem ersten Besuch merken können, wo er war?
Bryan konnte erst wieder richtig atmen, als er aus der großen Halle entkommen war.
Im Flur herrschte eine wesentlich angenehmere Musiklautstärke und mit jedem Schritt wurde es besser. Leider bedeutete es, dass er wieder Gelegenheit hatte, sich selbst zu geißeln. Er hatte sonst schon viele unschöne Wörter für sich, aber jetzt lief sein Kopf auf Höchstleistung.
Die Wände des Flurs waren mit dunkelrotem Stoff verkleidet und nach ein paar Metern mündete der Gang in einen breiten Saal voller Ledersessel und Sofas. Eine Wendeltreppe verband die Etage mit dem Obergeschoss und führte wohl auch in einen Keller hinunter. Ein völlig anderer Club in einem Club.
Hier lief sogar andere Musik. Die Leute, die in den Ledermöbeln saßen, wirkten wie aus einer anderen Welt. Als wäre die Vorstellung absurd, dass nur wenige Meter entfernt von ihnen eine Konfetti Party stieg. Hier konnte Bryan wirklich vergessen.
Die Männer nippten an Whiskeygläsern wie englische Gentlemen und die Frauen trugen Abendkleider und waren aufwendig geschminkt. Die ganze Atmosphäre hatte etwas Blasiertes. Kultiviertes. Wären da nicht die überwiegend nackten Männer und Frauen, die zwischen diesen gehobenen Herrschaften auf dem Boden knieten.
Bryan beschleunigte seine Schritte und steuerte stur auf die Bar zu. Ein Drink. Nein, eine Horde von Drinks. Er würde die Bar leer trinken!
In der Nische bei der Treppe erreichte er sein Ziel. Dort stand die Übeltäterin. Sie hatte Bryan gesagt, alle nannten sie Smiet.
Die Barkeeperin hatte die Ärmel ihrer tief ausgeschnittenen roten Bluse umgeschlagen und putzte Gläser hinter dem Tresen. Zwei andere Frauen in Rot schleppten Platten mit Getränken davon. Sie trugen keine SM-Kostümchen, zumindest keine Sichtbaren – und weiter wollte Bryan nicht denken.
Smiet schien sein unglücklicher Anblick nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie schüttelte ihre schwarzen Locken und grinste so breit, dass ihr Goldzahn dabei blitzte.
«Toller Auftritt! Aber hättet ihr ohne Shirts gespielt, wären die Leute deutlich milder mit euch umgegangen.»
Bryan konnte nicht darüber lachen.
Niemand saß an der Bar. Es gab heute nicht einmal Barhocker für den Fall, dass jemand mit diesem Gedanken spielte. Anscheinend gab es aber auch ohne Bargäste genug zu tun.
«Lass uns das nicht mehr erwähnen», sagte Bryan. «Niemals wieder. War ich das letzte Mal so dicht, dass mir Leute in Ledermasken entgangen sind?»
«Oh, letzten Samstag war hier keine Mottoparty. Hätte ich dich warnen sollen? Du warst so euphorisch, da wollte ich das junge Talent nicht bremsen.»
Sicher. Sturzbetrunken hatte sich ein ‚Auftritt für einen Abend Freigetränke‘ nach einer guten Idee angehört. Jetzt war da nur noch Reue.
«Bekomme ich trotzdem einen Drink?»
Bryan wollte sich ungern an Smiets Rockzipfel hängen, aber die Sitzecke mit den seltsamen Menschen war fürs erste genauso ausgeschlossen wie die Tanzfläche drüben.
Jetzt galt es nur noch, seinen Kummer möglichst effektiv zu ertränken und darauf zu warten, dass er seinen Verstärker wieder mitnehmen konnte.
Die Long Island Iced Teas hier würden kurzen Prozess mit seiner Hirnpower machen. Aber bevor er seinen Wunsch äußern konnte, drängelte sich jemand vor. Bryan hatte sogar schon die Hand gehoben.
Der Kerl ließ sich nicht dazu herab, sich für seine Dreistigkeit zu entschuldigen oder Bryan sonst irgendwie wahrzunehmen. Er war ganz in schwarz, wie viele hier. Aber seine Frisur und sein Make-Up sagten eher ‚unverstandenes Emo-Kind‘ als ‚Lackleder-Partygänger‘. Dann war da das Lederhalsband, das man auf seiner hellen Haut unmöglich übersehen konnte – das konnte beides bedeuten. War er auch auf der falschen Mottoparty? Letzten Samstag war das hier ein Indie-Laden gewesen.
Der Kerl hob die Hand und deutete mit dem Zeigefinger nach oben.
Eins.
Ein was?
Und dann mit beiden Händen.
Zehn.
Was hatte er bestellt?
Smiet stellte ernsthaft zehn leere Gläser auf ihre Arbeitsfläche.
Das war hoffentlich ein Scherz. Zehn Drinks, bevor er dran war?
Smiet jonglierte schon verschiedenfarbige Flüssigkeiten in den Händen.
«Kommt sofort, Herzchen!»
Sie warf Bryan nur einen entschuldigenden Blick zu und flüsterte «Stammkundschaft» als wäre das irgendein Trost.
Bryan tippte dem Kerl in die Schulter.
«Entschuldige mal!»
Unter normalen Umständen hätte er keinen Aufstand gemacht, weil er ein paar Minuten länger auf einen Drink warten musste. Aber der Abend war nicht normal. Von seiner Seite aus konnten sie sich gerne deswegen prügeln, auch wenn er es vorgezogen hätte, dafür mindestens angetrunken zu sein. Heute ging alles.
Der Typ drehte sich zu ihm und Bryan vergaß, was er eben sagen wollte. Er dachte, seine eigenen Augen wären blau… aber die Bezeichnung war offensichtlich schon vergeben.
Zeit für einen Taktikwechsel. Gab es einen besseren Zeitpunkt, jemanden an der Bar aufzureißen als diesen? Er war gedemütigt und verlassen. Bestes One-Night-Stand-Material.
«Oh», sagte er brillant. «Hey. Na? Sorry, ich hab dich wohl nicht gesehen.»
Mit Pokerface lehnte Bryan gegen den Tresen, um ‚Herzchen‘ bequemer betrachten zu können.
Er erhielt keine Antwort.
Dafür einen verärgerten Blick, der ganze Ernten in Brand setzen konnte. Kein mildes Stirnrunzeln, ein stummes, aber unmissverständliches Fahr-zur-Hölle.
Vielleicht hatte er den peinlichen Auftritt auf der Bühne gesehen. Das war nämlich bei Weitem nicht die blödeste Pick-Up-Line, die Bryan je gebracht hatte. So viel Wut fand er ungerechtfertigt.
«Sorry», sagte Bryan, «ich spiele normalerweise besser, echt.»
Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, die Situation noch retten zu können.
«Lampenfieber und so. Ich bin neu hier – also nicht, dass ich vorhatte, öfter herzukommen.»
Er faselte. Er schaufelte sich ins Grab.
«Ich wusste nicht, dass es hier solche Veranstaltungen gibt. Nicht, dass irgendetwas falsch daran wäre. Du bist ja auch hier und. Cool. Ja. Also nichts gegen deine Lebensentscheidungen und so.»
Er hätte sich doch im Klo einschließen sollen. Oder im Bett bleiben. Vielleicht war Herzchen doch eher Serienkiller als Fotomodel.
Bryan rechnete schon halb damit, gleich einen Tritt einzustecken, wo es besonders weh tat. Als der Killerblick stattdessen das schmale Gesicht verließ und einem abfälligen Grinsen Platz machte, verstand er gar nichts mehr. Lachte der ihn aus?! So erbärmlich war er nun auch nicht!
Smiet stapelte die fertigen Cocktails auf einem runden Tablett. Alle zehn, die der Typ irgendwie mit Telepathie bestellt hatte. Smiets schnelles Arbeiten verhinderte vermutlich eine Schlägerei.
«Geht aufs Haus!»
Der Kerl nickte und nahm das Tablett von der Bar. Bryan wurde ignoriert. Der Emo mit dem bescheuertsten Spitznamen der Welt warf keinen Blick zurück, als er zur Treppe schlenderte und nach unten verschwand. Genau die Abfuhr, die Bryans Selbstbewusstsein noch gebraucht hatte…
«Und was kann ich dir bringen, Kleiner?»
Ach, jetzt war er dran?
«Eine Axt.»
«Nimm‘s nicht persönlich. Er darf nicht sprechen, er hätte dir auch nicht antworten können, wenn er gewollt hätte. Herzchens Dom verbietet ihm ständig den Mund. Aus guten Gründen, wenn du mich fragst.»
«Pff. Kann ich mir vorstellen.»
Wenn der Kerl schon ohne Worte so einen Schaden an Bryans Ego anrichten konnte, war er bestimmt die Pest, wenn er sprechen durfte.
«Dom?», fragte Bryan im nächsten Moment.
Smiet nickte.
«Dom wie… Dominant? Du weißt schon. Dominas und so?»
Porno-Dom?! Die mit den Peitschen?! Bryans Weltbild bröckelte vor sich hin. Er hatte sein Wissen aus Internetvideos, vielleicht waren das nicht die zuverlässigsten Quellen.
«Und er ist dann?»
«Das Gegenstück. Ein Sub.»
Klar, die Optik passte. Zierlich, hübsches Gesicht, absolut fickbar – aber waren Subs nicht sowas wie die Sklaven? Unterwürfig? Gehorsam? Der?
Schon verband Bryan zwangsweise einige sehr grafische Bilder mit seiner neuen Bekanntschaft. Das war skurril… Ob der Typ richtig tief in der SM-Sache drin war?
«Bist du ganz sicher?», fragte Bryan so leise, als wäre er einer Verschwörung auf der Spur.
Smiet füllte das Glas für ihn mit Wodka. Er griff danach wie nach einem rettenden Anker.
«Klar. Du wirst nur Subs an der Bar treffen», sagte Smiet. «Die Doms lassen sich ihre Getränke bringen. Oder was glaubst du, warum hier nichts an der Bar los ist?»
Bryan fiel beinahe das Glas aus der Hand. Er hatte den gesamten letzten Samstag an dieser Bar verbracht.
«Heißt das, jeder, der mich hier bei dir sieht, hält mich für einen Sub?»
Smiet runzelte die Stirn. Hoffentlich, weil sie so ein schlechtes Gewissen hatte.
«Davon würde ich ausgehen. Was? Bist du keiner?»
Bryan stellte das Glas klangvoll zurück auf den Tresen und schob es weit von sich. Smiet hätte auch fragen können, ob er heimlich Frauenkleider trug. Sah er irgendwie unterwürfig aus?! Da jammerten Frauen über Macho-Kerle, aber kaum war man ein bisschen schüchtern, war man gleich…
«Nein», sagte er entschieden und mit der brummigsten, tiefsten Stimme, zu der er fähig war. «Wenn überhaupt bin ich eindeutig der aktive Part.»
Er hatte zwar noch nie jemanden ausgepeitscht, aber die Vorstellung auf der anderen Seite zu stehen, war eindeutig absurder. Die Dominanten waren die Harten. Die, die das Sagen hatten. Wer wollte sich schon herumkommandieren und zusammenschnüren lassen?
«Ist das so?», fragte Smiet.
Warum fühlte es sich an, als könnte sie Bryans Gedanken lesen und würde jeden einzelnen in Frage stellen? Er konnte das gerade echt nicht brauchen. Wieso redeten sie überhaupt darüber?
Jetzt war ihm auch noch die Lust vergangen, sich zu betrinken. Der Abend wurde einfach besser und besser.
«Ich geh auf die Toilette.»
Smiet sah sowieso aus, als wollte sie Dinge sagen, die Bryan nicht hören wollte. Besser, er verzog sich, bevor ihn irgendein Killer-Dom mit Frischfleisch verwechselte.
Auch, wenn er nicht vorhatte, zur Toilette zu gehen. Er lief schnurstracks zur Wendeltreppe.
Vielleicht war es dämlich, zu versuchen, Herzchen einzuholen, aber jetzt hatte ihn die Neugier gepackt. Er hatte nach Ablenkung von seiner Blamage gesucht und da war sie. Bryan würde erst glauben, dass dieser arrogante Kerl ein Sub war, wenn er es mit eigenen Augen sah – aus der Entfernung, verstand sich. Ein Blick und er war weg. Natürlich ging ihn das eigentlich nichts an, aber es war ja auch nichts dabei, mal zu gucken.
Er wollte denjenigen sehen, für den dieser Kerl sich in den Dreck warf. Genau genommen wollte er sehen, wie er sich in den Dreck warf.
Keiner der Gäste auf dem Boden drehte sich auch nur in Bryans Richtung, als er vorüberging. Die Herrschaften in den Sesseln machten dagegen keinen Hehl daraus, dass sie ihn von Kopf bis Arsch und wieder zurück musterten.
Wie konnte man sich freiwillig versklaven lassen?
Scheinbar hatte Bryan vergessen, wie man die Füße beim Laufen bewegte. Er wollte einen geraden Rücken machen, um größer und dominanter zu wirken, befürchtete aber, dass er vielmehr so aussah, als würde er einen Butt-Plug spazieren tragen. Seine Beine fühlten sich stocksteif an, als er die Treppenstufen hinunter stakste.
Die Räume oben waren schon schwach beleuchtet gewesen, aber im Untergeschoss konnte Bryan kaum noch zwei Meter weit sehen. Die einzige Lichtquelle war ein rot glimmender Leuchtstreifen, der die Mauerwand entlang führte und von Metalltüren unterbrochen wurde. Vielen Türen.
Woher sollte er wissen, hinter welcher der Sub verschwunden war? Einfach eine zu öffnen, war bestimmt keine gute Idee.
Bryan hätte wieder hoch gehen können, nur wohin? Er konnte nicht nach Hause, solange sein Verstärker noch auf der Bühne stand und die Bar war jetzt tote Zone. Wenn er einen Drink wollte, musste er einen Sub schicken und in seinen Augen schuldete der Kerl ihm zumindest so viel – schon fürs Vordrängeln. Vielleicht ließ sein Dom mit sich reden? Einen Versuch war es wert.
Er näherte sich der ersten Tür, um zu lauschen, aber sie öffnete sich, noch während er nach ihr griff und seine Hand stieß fuchtelnd auf Luft. Jemand packte seinen Arm und zog ihn nach drinnen.
«Da bist du ja endlich! Du verpasst noch das Beste!»
Bryan stolperte, konnte aber gerade noch verhindern, dass er sich in voller Länge auf den Boden packte. Herzchen war schon mal nicht hier.
Dafür war der Raum sehr klein und voller Menschen. Etwa ein Dutzend. Sie trugen alle nur Ledershorts. Auch die Frauen.
Bryan erstarrte. Hier wollte er wirklich nicht sein. Er fühlte sich, als wäre er im Nerzmantel in die Sauna gekommen.
Die Menschen bildeten einen Kreis um eine Frau, die bäuchlings und mit ausgestreckten Armen auf einen massiven Tisch geschnallt war. Im Gegensatz zu den anderen Anwesenden trug sie gar nichts.
Außer einer Augenbinde.
Bryan drehte sich entsetzt zu dem Kerl, der immer noch seinen Arm hielt. Dem wurde gerade sein Irrtum klar, aber besonders traurig wirkte er deswegen nicht.
«Oh, sorry. Dachte, du wärst Jason.»
Der Raum war nicht so dunkel wie der Flur, aber das Licht wurde gerade weiter gedimmt. Vermutlich als eine Art Startsignal.
«Na ja, wo du schon hier bist, genieß’ die Show!»
Sicher nicht. Bryan wich automatisch zurück.
Konnte der Typ ihn dann mal wieder loslassen?
Er bildete sich das nicht ein, irgendjemand schraubte gerade mächtig an der Klimaanlage. Er sollte abhauen.
Bryan hatte die Tür schon fast im Rücken, aber er konnte den Blick nicht von der gefesselten Frau in der Mitte lösen. Zwei Männer mit eingeölten Oberkörpern traten an sie heran. Einer hatte eine schmale Plastikflasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit in der Hand. Der andere eine Peitsche.
Oh Gott. Oh Gott, oh Gott, ohfuckingGott! War das hier eine Orgie?! Es war definitiv zu früh für so eine Erfahrung! Wie konnte die Frau so entspannt da herumliegen?!
Bryan rauschten unzählige Gedanken durch den Kopf, aber seine primäre Frage war die nach dem Warum. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, wieso sie das mit sich machen ließ. Oder was die Männer mit der Flasche vorhatten.
Er konnte nicht anders, als die Frau gedanklich mit dem Sub zu ersetzen, den er eben getroffen hatte. Würde er so etwas machen?
Der Typ, der ihn hier hereingeschleift hatte, legte die Hand auf Bryans Hintern. Dreist. Besitzergreifend. Als wäre es die reine Selbstverständlichkeit.
Bryan holte mit der Faust aus und schlug ihm ins Gesicht.

 

Kapitel 2

Er hatte kaum geschlafen. Nach so einer bewegten Nacht an die Uni zu müssen, war schon grausam für sich. Aber dass schon der nächste Auftritt darauf wartete, ihn in die Blamage zu reißen, war mehr als er an diesem Morgen ertragen konnte.
Er stand in der kleinen WG-Küche mit den Schachmusterfliesen und starrte unglücklich in sein Glas, das mit dickflüssiger grüner Pampe gefüllt war. Wollte er sich das wirklich antun?
«Du bist dir sicher? Das hilft?», fragte er trüb.
Er verschmierte die Schlieren, die seine schwitzigen Fingerspitzen auf dem Glasrand hinterlassen hatten.
«Kommt mir eher vor, als hättest du vor, mich zu vergiften.»
Wenn Sarah die Wohnung lieber für sich wollte, gab es vernünftigere Wege, das zu klären. Kein Grund, so drastisch zu sein. Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, sie um Hilfe zu bitten.
«Da ist alles Mögliche zur Beruhigung drin. Baldrian, Ginseng, Melisse…», sagte sie und stellte die große Glaskaraffe, aus der sie ihm eingegossen hatte, auf den Tisch.
Der Anblick des matschigen Bodensatzes lähmte jeden Appetit nach mehr.
«Wenn du danach noch aufgeregt bist, weiß ich auch nicht mehr weiter. Aber wenn du etwas gegen deinen Kater suchst, werde ich dir nicht helfen.»
«Ich bin nicht verkatert.»
Wie oft sollte er das noch sagen? Aber vielleicht wäre Alkohol im Moment gar keine so schlechte Idee. Von Bryans nächtlichem Ausflug war nur noch der Stempel auf seinem Arm und das Veilchen unter seinem Auge übrig – und schmerzende Beine. Er war noch nie so viel gerannt in einer Nacht.
«Es ist nur eine Orchesterprobe», seufzte Sarah.
Sie zwirbelte eine blonde Haarsträhne um ihren Zeigefinger, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte – eine nervöse Angewohnheit, die ihn gleich noch nervöser machte. Sarah hatte also auch Schiss, dass er es versaute. An ihren eigenen Fähigkeiten zweifelte sie eher selten.
«Wenn du dich nicht verspielst, wird dich auch niemand beachten.»
Sie hatte leicht reden.
Aber Jammern half auch nichts. Dann fing Sarah nur wieder an, von irgendwelchen Seelenklempnern zu faseln und sie fingen an, zu streiten. Sie meinte es ja nur gut mit ihm.
Bryan schwenkte den ekligen Brei in seinem Glas, hielt sich die Nase zu und exte das Wundermittel.

Der Saft half gegen das Lampenfieber. Wenn auch nicht planmäßig. Bryan war für den Rest des Morgens so übel, dass er sich kaum auf seine Nervosität konzentrieren konnte. Eigentlich konnte er sich auf gar nichts konzentrieren.
Die Gespräche seiner Mitschüler prallten sowieso gern an ihm ab, aber heute bekam er noch weniger vom Wer-mit-wem und Filme-auf-Netflix mit als sonst. Er merkte eigentlich immer erst, dass Leute redeten, wenn der Professor sie anfuhr, leise zu sein.
Schon die Arme oben zu halten, erforderte all seine Kraft und die Ränder seines Sichtfelds waren verwaschen. Gesund war das nicht.
Die Ausrede Magenschmerzen hatte er beim Prof allerdings überstrapaziert, also musste er mit seiner Geige zwischen Sarah und ihren Mädels sitzen und so tun, als würde er spielen. Was er dabei wirklich meisterlich schaffte, war Schwitzen. Bis etwa zur Hälfte des ersten Blocks.
Dann begrüßte ihn der grüne Saft genauso in der Toilette, wie er ihn getrunken hatte. Unverdaut. Ein weiteres Experiment war gescheitert.
Bryan kickte mürrisch die Kabinentür auf und wackelte zu den Waschbecken, um sich auf einen der Keramikränder zu stützen. Er streckte seinem Spiegelbild die Zunge entgegen. Grün. Großartig. Er konnte die Farbe nicht mehr sehen.
Das kalte Wasser tat gut, als es seine Wangen und Stirn berührte, aber seine linke Gesichtshälfte tat immer noch weh. Ein magisches Andenken an eine Nacht, die er schnellstens vergessen wollte. Wenn er nicht mehr daran dachte, würde die Erinnerung nach und nach verblassen und irgendwann nichts außer ein entferntes peinliches Gefühl sein. Hoffentlich.
Die Tür schwang auf und ein Student im gleichen Alter trat schwerfällig an das Waschbecken neben ihn, um seine Plastikflasche mit Wasser zu füllen.
Als der Kerl Bryans Spiegelbild zunickte, nickte Bryan zurück, weil sie im selben Kurs waren. Aber er konnte ihm auf Biegen und Brechen keinen Namen zuordnen. Darin, sich zu merken, welche Instrumente seine Mitschüler spielten, war er deutlich besser.
«Wow, siehst du beschissen aus, Mann», sagte Saxophon-und-Klavier. «Und damit meine ich nicht nur dein Gesicht. Schlechter Trip?»
Bryan wäre es lieber gewesen, es wäre beim Zunicken geblieben. Pikiert zupfte er Papiertücher aus dem Spender neben den Spiegeln.
«Keine Drogen», murmelte er und versuchte dabei, nicht zu erhaben zu klingen.
War nicht schwer, während man sich das Gesicht nach dem Kotzen abtrocknete.
«Nur etwas… Pflanzliches.»
Saxophon-und-Klavier hatte eine gewisse Ausstrahlung. Lange Haare und Schlapphut und ein Hang zu bequemer Kleidung. Das allein war noch kein Indiz, aber zusammen mit der Tatsache, dass Bryan ihn kaum in Vorlesungen sah – und wenn, dann nur mit gesenkten Augenlidern – öffnete die Kiffer-Schublade.
«Gute Einstellung. Gesünder als das synthetische Zeug. Mein Dealer streckt nicht. Also, wenn er dir was besorgen soll…»
«Nein, danke.»
Er konnte sich gerade noch verkneifen, demonstrativ die Hand für ein ‚Stop‘ zu heben. Zu dramatisch – und es war beileibe nicht das erste Mal, dass ihm Drogen angeboten wurden, seit er in die Stadt gezogen war. Er hatte gestern erst den Joint abgelehnt, den Steve (verdammter Steve) ihm vor dem Auftritt angeboten hatte, um seine Nerven zu beruhigen…
Seine Ex-Band hatte ihn noch dazu in den frühen Morgenstunden wachgeklingelt, um seinen Verstärker vorbeizubringen. Immerhin das war nett gewesen, wenn sie auch nicht darauf verzichteten, ihn noch einmal offiziell aus der Band zu schmeißen. Ihn – den einzigen von ihnen, der Musik studierte.
Vielleicht hätte Bryan das Zeug einfach probieren sollen – was hatte er noch zu verlieren? – aber sein gesundes Misstrauen und der Hang zur Selbsterhaltung hatten ihn stets davor bewahrt. Seine Mutter wäre stolz auf ihn.
Bryan vertrug schon Alkohol nicht gut, nervöser Magen und all der Mist. Er kam sich vor wie ein Rentner.
«Yo, kein Stress. Deine Entscheidung, Mann.» Saxophon-und-Klavier hob träge die Schultern. «Wir seh’n uns.»
Er nahm einen gierigen Schluck aus seiner Flasche, bevor er noch einmal nachfüllte und sich verkrümelte. Bryan wartete, bis er raus war. Er wollte nicht noch mehr Smalltalk riskieren.
Erst nach einer halben Minute, um auf Nummer sicher zu gehen, verließ er die Toilette und kam direkt wieder zum Stehen. Sarah wartete im Gang auf ihn. Sie war blass, obwohl sie nichts von ihrem Wundermittel getrunken hatte.
«Ist die Probe schon zuende?», fragte Bryan verunsichert.
Sarah kam ihm entgegen, aber als sie voreinander stehen blieben, räusperte sie sich voller Unbehagen.
«Nein, ich hab gesagt, ich muss zur Toilette. Professor Bales hat uns eben etwas gesagt, dass du wissen solltest. Er meinte, er wiederholt es am Ende der Stunde, aber ich wollte es dir sagen, damit du es in Ruhe… aufnehmen kannst.»
Das klang überhaupt nicht gut. Aber wartete Sarah ernsthaft auf eine Antwort?
«Kannst du mir einfach sagen, was los ist und es schnell und schmerzlos machen?»
Sie antwortete so leise, dass Bryan Mühe hatte, sie zu verstehen.
«Wir sollen unsere Symphonien schon bis zum Ende des Semesters fertig haben.»
«Und? Ist doch mehr als genug Zeit. Ich versteh die Panik nicht.»
«Wir sollen das Hauptstück vor dem Kurs vortragen. Das geht in die Endnote ein.»
Bemerkenswert, wie schnell einem wieder schlecht werden konnte.
«Vor dem ganzen Kurs?»
«Und ein paar Lehrern… und den Einsteigern fürs Erstsemester… also und allen, die es interessiert. Der Prof meinte, es wäre eine tolle… Erfahrung… und auch Werbung für unsere Uni und… Bryan? Hörst du mir noch zu?»
Er war geliefert. Das war es dann auch mit seinem Studium. Die Buhrufe und Pfiffe, mit denen er in der Nacht von der Bühne gejagt worden war, drängelten sich genauso ungefragt in seine Gedanken zurück, wie der dreiste Kerl gestern in seine Getränkebestellung. Er wollte nie wieder vor Leuten spielen.
«Fuck», sagte er. Alles, was er dachte, in einem Wort.
Es war nicht fair. Warum mussten Auftritte ihn dermaßen fertig machen?! Er wäre gerne einfach losgerannt wie gestern. Bei seiner Flucht hatte er sich zwar auf der Wendeltreppe fast den Hals gebrochen, aber so gesehen, war es gut ausgegangen. Nur vor der Uni konnte er nicht davonlaufen. Wenn Bryan die Prüfung nicht bestand, verlor er sein Stipendium und musste wieder zu seiner Mutter ziehen. Ins Dörflichste vom Dörflichen, wo er schon ein Freak war, weil er nicht Fußball spielte. Den Plan, irgendwann als Komponist zu arbeiten, konnte er dann vergessen.
Sarah legte die Hand auf seine Schulter, aber auch wenn die Geste tröstend gemeint war, fühlte sie sich an, wie ein Gewicht, das ihn noch tiefer drückte.
Schon das ganze Üben mit der Band hatte nichts gebracht. Er war bereits in den Proben schlecht gewesen – und auf der Bühne katastrophal. Allein wenn er einsam in seinem Zimmer saß, konnte er spielen – aber er liebte Musik. Er war gut, er glaubte, dass er gut war oder sein konnte, wenn er nur diesen Fluch überwand. Aber wie? Bis zum Semesterende waren es nur ein paar Monate.
«Du schaffst das, Bryan. Egal, was du brauchst, ich bin für dich da. Wenn ich dich irgendwie unterstützen kann, dann-»
«Ich habe eine Idee, die dir nicht gefallen wird.»

Es war nicht der beste Plan aller Zeiten. Aber es war ja für die Uni.
So gerechtfertigt ging es um Medizin, für die ihm nur die Verschreibung fehlte. Genau. Bryan hatte das Recht darauf, ein normaler Mensch zu sein. Einer, der in der Gesellschaft funktionierte.
Er wünschte nur, er hätte schon Gras, um seine Nerven zu beruhigen, damit er Gras kaufen konnte, um seine Nerven zu beruhigen. Der Weg über den Schulhof war ihm noch nie so lang vorgekommen.
«Ich hasse diese Idee», jammerte Sarah, die an seinem Arm klebte wie ein mutterloser Koalabär.
Bryan wollte davon nichts hören.
«Entweder das oder ich besaufe mich bis zur Besinnungslosigkeit.»
Das hatte bei der Aufnahmeprüfung geklappt, auch wenn er danach einen Blackout gehabt hatte und in der U-Bahn mit Schürfwunden an den Ellenbogen aufgewacht war, für die es keine logische Erklärung gab. Auf eine Wiederholung wollte er verzichten.
«Du weißt genau, dass ich nichts von Alkohol halte», sagte Sarah. «Oder von Drogen, wenn wir schon dabei sind! Wegen dir mache ich mich zur Mittäterin.»
«Du wolltest mitkommen.»
«Um dich vor Dummheiten zu bewahren!»
Bryan bemühte sich verzweifelt, niemanden merken zu lassen, wie nervös er war. Im Grunde war er froh, dass er Sarah dabei hatte.
Der Kiffer, von dem er die Infos hatte – Saxophon-und-Klavier oder Gareth, wie Sarah ihn nannte – stand mit ein paar anderen Jungs bei den Fahrradständern in der Raucherecke. Er grüßte Bryan wieder mit einem Kopfnicken und Sarahs Klammergriff festigte sich. Wie eine Würgeschlange.
«Sie werden schon nicht beißen», sagte Bryan augenverdrehend.
Kein Grund zur Sorge – auch wenn die Typen hier keinen Zigarettenstummel herumgaben. Der Geruch war unverkennbar und unverkennbar verboten auf dem Unigelände. Machte sich keiner Gedanken, erwischt zu werden?
Die Typen waren der Inbegriff von Coolness und Klischees. Tiefenentspannt. Es fehlte nur die passende musikalische Untermalung, Raggae-Musik vielleicht.
Bryan rückte Gitarren- und Geigenkoffer auf seinem Rücken zurecht und atmete tief durch. Seine moralischen Grundsätze waren also nicht sehr ausgeprägt – besser so etwas lernte man früh über sich, so war man später im Leben sicherlich weniger enttäuscht. Er war ein Heuchler. Aber die Alternative als kneifender Versager war schlimmer.
«Kann ich einem von euch was abkaufen?»
Gareth, der gerade den Joint hielt, grinste und deutete zu den Mülltonnen.
«Wenn du was kaufen willst, frag Kain.»
Bryan folgte der Bewegung seines Fingers mit dem Kopf und wünschte, er hätte es nicht getan. Es war einer dieser Fehler, die einem schon scheiße vorkamen, während man sie beging.
Der Dealer lehnte gegen den Container für Glasflaschen. Schwarze Skinny Jeans mit Schlitzen an den Knien. Grauer, weiter Pullover.
Bryan hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Aber der abfällige Gesichtsausdruck, mit dem er sein Drogengeld zählte, verfolgte ihn selbst, wenn er die Augen schloss.
Ihre Blicke trafen sich und Bryan verabschiedete sich von der Hoffnung, seinen Nachmittag noch retten zu können. Ehrliche Überraschung schlug genauso schnell in kalte Wut um wie gestern Abend. Sämtliche Erinnerungen waren wieder frisch und qualvoll.
Herzchen stopfte das Geld in seinen Pullover und stampfte auf Bryan zu. Er warf ihn fast über den Haufen.
Bryan stieß Sarah instinktiv von sich, weil er einen Schlag befürchtete, aber der Schwarzhaarige packte ihn am Kragen. Sarah quiekte nutzlos.
Als er die Hände hob, wurde der Griff an seinem T-Shirt sogar ruppiger. Er hatte schon verloren.
«Geh schon mal heim, Sarah», sagte er aus dem Mundwinkel. «Wir sehen uns später. Ich habe hier scheinbar etwas zu klären.»
Warum war der Typ so unglaublich angepisst?! Wenn er irgendetwas von gestern Nacht erzählte, war Bryan geliefert. Er würde es überleben, wenn irgendwelche Kiffer erfuhren, dass er Kerle in Sex-Clubs anbaggerte. Die vergaßen das eh wieder. Aber wenn Sarah es herausfand, waren die Konsequenzen fatal.
«Auf gar keinen Fall!», rief sie. «Bist du irre?! Wer ist der Typ? Lass uns abhauen!»
Bryan wollte etwas Kluges erwidern, aber der Vordrängler funkte ihm mal wieder dazwischen.
«Hast du das erste Nein nicht verstanden, Alter? Lass es mich vertonen! Bist du jetzt mein Stalker, oder was?! Wenn du nach gestern immer noch denkst – hmpf!»
Bryan presste ihm die Hände auf den Mund, bevor er weitersprechen konnte. Es war Reflex. Reine Panik. Als die blauen Augen sich stürmisch weiteten, war Bryan sicher, er würde dafür sterben. Keine Zeit zu verlieren.
«Geh nach Hause, Sarah», sagte er noch einmal und mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete. «Ich will dich nicht hier haben, verdammt nochmal! Ich sag es nicht noch einmal!»
Sarahs Lippen formten sich zu einem dünnen Strich. Bryan tat es direkt leid, aber er sah keinen anderen Ausweg.
«Dein Ernst? Ich bin extra mitgekommen! Du kannst so ein Arsch sein, manchmal. Mach, was du willst! Glaub nicht, dass ich mich um dich kümmere, wenn du dich auf dem Schulhof prügelst wie ein Grundschüler!»
Die Kiffer schienen auch keine Lust auf Stress zu haben. Sie stellten sich taub und blind für die ganze Angelegenheit und sammelten ihre Taschen und Rucksäcke vom Boden auf, um sich aus dem Staub zu machen. Bryan wünschte, er könnte dasselbe tun. Aber der Killerblick, mit dem der Sub ihn durchbohrte, ließ die Option verpuffen.
Sarah stampfte davon, aber ruhiger fühlte sich Bryan deswegen nicht. Er nahm die Hände nur zögerlich vom Gesicht seines Gegenübers. Er hatte immer noch keinen Schlag in den Magen bekommen. Das war doch schon ein Sieg für sich.
«Du hast echt Nerven», fauchte der Kerl auch schon los. «Du verbietest mir den Mund?!»
«Entschuldige mal, du hast mich gerade fast vor meiner besten Freundin geoutet!»
«Oh mein Gott. Du bist noch erbärmlicher, als ich dachte. Wie zum Teufel hast du mich gefunden?»
«Ich hab zumindest nicht nach dir gesucht, wenn du das meinst. Also schon nach dir. Aber nicht nach dir dir.»
«Ich dachte gestern, du warst nur betrunken, aber scheinbar hast du irgendein Syndrom, das dich zwingt, Müll zu labern. Was willst du? Versuch bitte in ganzen Sätzen zu sprechen.»
Er hatte Bryan besser gefallen, als er noch die Klappe gehalten hatte. Auch wenn er in seinem Pullover aussah, wie das Boybandmitglied mit der dunklen Vergangenheit.
«Ich bin nur hier, um Gras zu kaufen. Ich wusste nicht, dass ich dich hier treffe. Ist die Wahrheit.»
«Du willst Gras? Wofür? Planst du eine Party mit deiner kleinen Freundin? Im Blondinenclub?»
«Das geht dich nichts an.»
Bryan würde hier bestimmt nicht sein Seelenleben vor dem Spinner ausbreiten. Er verengte die Augen, was immerhin dafür sorgte, dass sein Kragen freigelassen wurde und sein Gegenüber die Hände lieber in der Bauchtasche des eigenen Pullovers vergrub.
«Okay», schnaufte der Sub. «Was willst du? Indica oder Sativa?»
Bryan hatte aber kein Latinum.
«Nur… Gras?»
Ein dramatisches Seufzen.
«Wenn du mir nicht erzählst, wofür es ist, kann ich dir auch nicht das Zeug geben, was sich dafür am besten eignet. Werd erwachsen!»
Was für eine Kratzbürste. Ob alle seine Kundengespräche so abliefen?
«Ich brauche es für eine Prüfung.»
«Du willst es, um besser in der Schule zu werden? Wow. Dein Leben muss eine Achterbahnfahrt aus Abenteuern sein.»
Der Typ suchte nur Wege, ihn zu beleidigen. Bryan wollte das alles eigentlich gar nicht ausplaudern, aber was für eine Wahl hatte er?
«Ich hab dir gestern schon gesagt, ich bekomme… Lampenfieber. Manchmal. Wenn ich vor Leuten spielen muss.»
Manchmal war eine clevere Umschreibung für immer.
«Dann hat deine Band dich rausgeschmissen, weil du die Nerven nicht behalten kannst? Nett. Ich dachte, du wärst einfach schlecht.»
Au.
«Nein, dass ich einfach nur schlecht bin, war nur der zweite ausschlaggebende Grund. Verkaufst du mir nun etwas oder nicht?»
Der Kerl grinste genauso gehässig wie gestern.
«Für dich ist mir mein Gras zu schade.»
«Echt jetzt?!»
«Ich kann dir was geben, das dich den Abend vorher besser schlafen lässt. Aber damit kämpfst du nur gegen Symptome, nicht gegen die Ursache.»
«Holy shit, bist du jetzt auch noch Psychiater? Wie verkaufst du mit der Einstellung irgendwas an irgendjemanden?!»
«Ich verkaufe nur an Leute, denen ich vertraue und dir traue ich keinen Meter weit.»
Das war doch – Er war sehr wohl vertrauenswürdig!
«Kein Wunder, dass dir dein Dom den Mund verbietet», schnaufte er, ohne nachzudenken.
Mit einer anderen Reaktion als Wut hatte er nicht gerechnet. Doch bei der Erwähnung seines Dom trat ein weicher Ausdruck in die Eiskristalle, die der Sub seine Augen nannte. Als hätte er eine Melodie im Ohr, die Bryan nicht hören konnte. Mit diesem sehnsüchtigen Blick wirkte er fast… sexy. Bis er wieder den Mund aufmachte.
«Dein Dom sollte dich dafür besser an die Leine nehmen. Weiß er, dass du fremden Subs hinterhergaffst und Drogen nehmen willst?»
«Herrgott! Ich hab keinen Dom! Ich. Bin. Kein. Sub!»
Wirklich. Sollte Bryan sich das auf die Stirn schreiben?
«Ich wusste nichts von den Mottopartys! Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehrmals. Ich steh nicht mal auf dieses Sado-Maso-Zeug. Also nicht sehr. Nicht mehr als der Durchschnitt, vermutlich.»
«Der Durchschnitt? Du warst in einer Bar, die Glitterbox heißt. Benutz’ hin und wieder dein Hirn, oder geht das nicht? Nein. Spar dir die Antwort! Hier.»
Der Sub zog einen Geldschein aus seinem Pullover, zusammen mit einem schwarzen Edding.
«Du hast Glück, dass ich heute meinen wohltätigen Tag habe.»
«Dann verkaufst du mir was?»
«Nein. Aber ich kenne jemanden, der dir bei deinem Problem helfen kann.»
Er kritzelte etwas auf den Geldschein, bevor er ihn Bryan in die Hand drückte. Eine Telefonnummer und ein Name.
«Kain?»
Gareth hatte ihn vorhin auch so genannt. Das war bestimmt ein Deckname. Der Kerl konnte nicht auch noch einen coolen Namen haben. Aber immer noch besser als Herzchen. Was passierte hier eigentlich gerade? Jetzt war er im Idealfall dabei gesehen worden, wie ein Drogendealer ihm Geld gegeben hatte.
«Ruf mich an, wenn du dein Problem ernsthaft angehen willst. Dann mache ich euch bekannt.»
«Wer ist er? Auch Seelenklempner und Drogenberater?»
Kain grinste.
«So in der Art.»
Netter Versuch.
«Vergiss es! Versuchst du mich gerade, an irgendeinen Dom zu verschachern?»
Kain war schon am Gehen.
«Vielleicht. Aber wenn dein Problem nicht wichtig genug ist, musst du ja nichts riskieren.»
Er warf einen dunklen Blick über seine Schulter zurück.
«Es zwingt dich niemand, anzurufen.»

 


Hier endet die Leseprobe 😉

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Danke für die viele Geduld und Unterstützung!

Wir lesen uns im Schlafzimmer

Scarlett