Juli 21, 2018

“Schwestern der Strömung” – Die Lügnerin – Leseprobe

Scarlett Eden

SCHWESTERN DER STRÖMUNG

Teil 1: Die Lügnerin

 

KAPITEL 1

Die Villa am Riff

Es war Dienstag, der 19. März 1850, im Zeitalter des Steams, und nicht einmal Faye Elwood ahnte, dass es nur drei Tage dauern würde, alles zu verlieren.
Viele Passagiere hatten das Schiff mit den kahlen Masten vor Sonnenuntergang verlassen. Die Familie Elwood reiste jedoch mit so viel Gepäck, dass ihr Personal immer noch bemüht war, die Kutschen zu beladen. Für einen letzten Spaziergang über das Deck blieb genügend Zeit, aber am liebsten wäre Faye niemals von Bord gegangen.
Die Sonne strahlte in ihrem Sinkflug wie eine saftige Orange. Nicht kirschrot wie zu Hause. Als hätte das Schiff in einer ganz anderen Welt angelegt.
Macie würde es hassen und Faye fiel es schwer, anders zu empfinden. Morgen sollte sie ihren Verlobten kennenlernen und nicht die schönste Farbenpracht in den Wolken konnte das gutmachen.
Die flachen Atemzüge, die ihre Corsage gestattete, fühlten sich dumpfer an als die Seeluft. Faye klatschte mit ihrem Fächer eine penetrante Fliege aus der Luft – und wurde sogleich vom stechenden Fischgeruch aus dem Hafen erwischt. Ihre Familie hatte beschlossen, sich heute von der besten Seite zu zeigen. Deswegen hatte Miss Clayton die Schnüre unter ihrem Kleid besonders fest gezogen – als Ersatz für die unsichtbaren Handschellen vermutlich.
“Was machst du noch hier, Täubchen?”
Fayes Atemnot ließ keinen energischeren Schreck als ein kleines Japsen zu. Sie war beinahe gegen ihren Vater gelaufen – oder war er gegen sie gelaufen? Ihre Gedanken hatten sie weit von hier fort getragen.
Vater war ein schlanker Mann, ohne dabei schlacksig zu wirken. Er schleppte zwei schwere Lederkoffer mit ihrem Familienwappen. Auch wenn er keine Hand frei hatte, um sich zum Gruß an die Hutkrempe zu tippen, wirkte er gut gelaunt in seinem weichen Nadelstreifenanzug und mit seinem breiten, bartlosen Lächeln. Die blaugrauen Augen, die sie immer an ein Sommergewitter erinnerten, hatte Faye von ihm.
Sie erwiderte sein Lächeln und versuchte, nicht allzu unglücklich dabei auszusehen.
“Ich warte auf Macie”, sagte sie.
Die Erwähnung ihrer Schwester genügte, um seine Schultern sinken zu lassen. Mit seinem bestickten Zylinder überragte er Faye dennoch um Längen – neben ihm fühlte sie sich wie ein Kind. Dabei war sie längst eine Frau. Neunzehn Jahre alt. Eine verstaubte Jungfer, um genau zu sein.
“Oh.”
Vater ließ sie stehen, ohne weiter nachzufragen. Unangenehme Themen vermied er lieber und der letzte Streit mit Macie lag noch nicht lange zurück.
Wenn Fayes Schwester einen Groll gegen jemanden hegte, ließ sie es ihn wissen. Wenn ihre Feinde strauchelten, versteckte sie ihre Zufriedenheit – anders als Faye – niemals hinter einem Fächer.
Wenn sie lachte, war es echt.
Genauso echt wie ihr angewidertes Naserümpfen, als Miss Clayton sie schließlich an Deck brachte.
Manche glaubten, sie und Faye wären nicht einmal miteinander verwandt. Es war unmöglich, Macie zu ignorieren, wenn sie einen Raum betrat. Sie hatte keine Gedanken an die hier herrschende Kleiderordnung verschwendet und trug ihr feinstes veilchenblaues Sommerkleid. Vereinzelte weizenblonde Locken umspielten ihre Wangen und die übrigen, vollen Strähnen waren in einer eleganten Steckfrisur gebändigt. Fayes langweiliges, braunes Haar dagegen versuchte mit jeder Windböe, ihrem notdürftigen Haarknoten zu entkommen.
Macie hätte ohne weiteres in die Kulisse eines sonntäglichen Brunchs in Londons edelsten Kreisen gepasst.
Wenn sie nicht im Rollstuhl gesessen hätte.
Vater war glücklicherweise schon beschäftigt, seine Koffer auf das Dach der neuen, familieneigenen Pferdekutsche zu schnallen. Die spärlich verteilten Fahrzeuge, die noch unterwegs waren, teilten den Laufstrom der verschiedensten Menschen wie Steine in einem Bach.
Macie hatte die Arme verschränkt, um ihren Unmut in aller Deutlichkeit zur Schau zu tragen und hätte sich vielleicht geweigert, zu laufen, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre.
Miss Clayton, die den Rollstuhl schob, trug die Nase so hoch, dass man den Moment, in dem sie der Duft aus dem Hafen erreichte, unmöglich verpassen konnte. Die beiden waren so offensichtlich nicht in ihrem Element, dass sie Faye leidtaten. Aber sie selbst tat sich mehr leid.
Das ist alles deine Schuld.
Sie atmete tief durch und setzte die lächelnde Maske wieder auf.
“Lassen Sie nur, ich übernehme das.”
Sie nahm Miss Claytons Platz hinter dem Rollstuhl ein, aber Macie hatte nicht einmal für sie ein Schmunzeln übrig. Die Wut ihrer Schwester war im Laufe der Reise abgeflaut, aber ihr Widerwille war von Tag zu Tag größer geworden.
Faye wollte sie aufmuntern.
“Wenn wir von diesem Schiff herunter sind, haben wir das Schlimmste hinter uns.”
Macies Fingerspitzen trommelten ungeduldig auf ihre Ärmel.
“Du solltest aufhören zu lügen”, sagte sie.
“Und du solltest dich wie eine junge Dame benehmen und unserem Vater gehorchen.”
Vater brauchte Fayes Rückhalt. Wie sie selbst darüber dachte, war weniger von Bedeutung. Sie war die Ältere, sie hatte Pflichten.
Der steile Weg über die heruntergelassene Schiffsplanke kostete Kraft. Wenn die Räder zu viel Fahrt aufnahmen, riskierte Faye eine Landung im Wasser und Vater hatte all sein handwerkliches Geschick in die Ausarbeitung von Macies Rollstuhl gesteckt. Das Gerät war modern und poliert, mit aufwendig geschwungenen Armlehnen und weichen Polstern. Die dunklen Holzstreben standen Macies eigener Feingliedrigkeit in nichts nach. Wenn die Sonne im richtigen Winkel auf die Metallteile der Räder traf, glänzten sie geradezu golden – auch wenn Vater beteuerte, dass es sich um ein wesentlich günstigeres Material handelte.
“Fruchtloser Bestechungsversuch”, hatte Macie es genannt. Für Faye war es die Arbeit eines Meisters.
Der Rollstuhl war sicherlich einer der Gründe für die Schaulustigen, die hofften, einen Blick auf die neuen Besucher zu erhaschen. Faye wurde unangenehm heiß.
Die Frauen in der Nähe der Docks trugen Kleider, die kaum bis über das Knie reichten. Aber sie war diejenige, die sich in ihren üppigen Röcken und mit dem hochgeschlossenen Kragen splitternackt fühlte. Sie gehörte nicht hierher und alle konnten es sehen.
Die Gebäude der kleinen Hafenstadt erinnerten sie an ein volles Nadelkissen oder einen Flickenteppich aus zu vielen verschiedenen Stoffen. Als hätten alle Leute gleichzeitig an ihren Häusern gebaut, ohne sich mit ihrem Nachbarn zu beraten. Manch eine Hauswand endete in der Fassade des nächsten Gebäudes. Einheitliche Größen gab es nicht. Die Dächer waren aus Holz oder Ziegeln, als hätte man genutzt, was eben zur Hand gewesen war. Alles hier war nicht imposant, aber zweckdienlich.
Die Kutsche wartete auf einer schmalen Ziegelsteinstraße. Breite Holzräder und Vorhänge, die im Licht der letzten Sonne zitronenfarben strahlten. Die Pferde waren rund und prächtig. Sie allein hätten Macies Laune womöglich heben können.
Aber neben der Kutsche wartete Alfred.
Macie holte empört Luft und Faye gab dem Rollstuhl vorsorglich einen warnenden Schubser.
“Sag’ bloß kein Wort!”
Im Gegensatz zu Fayes geflüsterter Ermahnung, schallte Alfreds Begrüßung in seiner Überschwänglichkeit durch den halben Hafen.
“Viktor! Alter Junge! Da seid ihr ja endlich!”
Der kleine Mann steckte in einem feinen Anzug, dessen Knöpfe sich beträchtlich auf seinem Bauch spannten. Das Bändchen einer Taschenuhr baumelte aus seiner Hosentasche, als könnte man ihn daran wie eine Glocke läuten.
Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und tauschten Floskeln aus, die Faye schon vom Zuhören ermüdeten. Es fiel ihr schwer, den Rollstuhl weiterzuschieben. Als würde sie den Fuchs in den Hühnerstall führen. Macie war überzeugt, dass Alfred derjenige war, der Vater überredet hatte, sich auf dieser Insel niederzulassen – auch wenn sie dafür keine Beweise hatte. Faye wollte um jeden Preis neuen Streit vermeiden und ihre Schwester würde zweifelsohne die erste Gelegenheit nutzen, die sich ihr bot.
“Meine Güte! Deine Töchter werden jedesmal schöner, wenn ich sie sehe!”
Faye konnte Alfred nicht hassen. Auch, wenn er zu laut lachte und einen furchtbaren Schnurrbart hatte. Er begrüßte Miss Clayton als nächstes – mit einem Schmatzer auf den Handrücken, den diese mit pikiertem Gesicht über sich ergehen ließ.
Faye und Macie wurden gar nicht begrüßt, dafür wandte sich Alfred direkt an Vater zurück und sah aus, als wollte er dessen Hand am liebsten gleich noch einmal schütteln.
“Ich habe die Villa für euch herrichten lassen. Erstklassiges Anwesen! Ich bin sicher, ihr werdet euch wie zu Hause fühlen! Wenn ihr euch erst eingerichtet habt, versteht sich.”
Er tupfte sich mit dem Tuch aus seiner Brusttasche die Stirn ab. Wahrscheinlich nicht zum ersten Mal heute. Entweder bescherte die Freude seinem Gesicht rote Flecken oder die Sonne auf der Insel hatte es nicht gut mit ihm gemeint.
“Wann denkst du, können wir mit der Arbeit beginnen? Ich will dich natürlich nicht drängen, mein Freund, aber ich möchte dich mit einem möglichen Partner bekannt machen. Ich habe mir erlaubt, ihn und seine Frau für morgen Abend einzuladen. Investoren, mein Lieber. Investoren!”
Macie schnaufte wenig damenhaft und Faye dachte vermutlich das Gleiche wie sie. Anscheinend hatte Alfred es eilig.
Vater rieb sich das rasierte Kinn, wie immer, wenn er unsicher war, das Richtige zu sagen.
“Um ehrlich zu sein, wollte ich dem Ganzen ein paar Tage geben. Ich möchte Zeit mit den Mädchen verbringen und sichergehen, dass sie… nun ja, Anschluss finden. Ich habe außergewöhnliche Kinder, die außergewöhnliche Aufmerksamkeit verlangen. Macies weitere Ausbildung liegt mir sehr am Herzen und Faye-”
“Ich versichere dir, unsere Stadt mag überschaubar sein, aber sie bietet erstklassige Lehrer. Es wird deinen Kindern an nichts mangeln und ich bin mir sicher, die hiesige Gesellschaft wird entzückt von Macie sein!”
“Um Macie mache ich mir weniger Sorgen…”
Faye mochte die Richtung nicht, in die sich das Gespräch bewegte. Sie tauschte einen flehenden Blick mit Miss Clayton und die Gouvernante eilte mit kleinen Trippelschritten zwischen die Männer.
“Meine Herren”, sagte sie und berührte Vater am Arm, “wenn Sie das Gespräch auf der Fahrt fortsetzen könnten? Die Mädchen sind erschöpft von der Reise und wenn wir nicht losfahren, wird die Nacht einbrechen, bevor wir das Anwesen erreichen.”
“Falls wir je dort ankommen”, murmelte Macie. “Mit diesem Klappergestell.”
Sie ignorierte Alfreds fragenden Blick, der wohl erwartete, sie würde die Worte für ihn wiederholen.
“Macie hat nur die Kutsche bewundert”, sagte Faye und der Schnurrbart bog sich wieder zu einem Grinsen.
“Ah, die Kutsche gefällt dir, meine Liebe?”
Alfred beugte sich zu Macie hinunter, als könnte sie ihn da oben nicht hören und Faye biss die Zähne zusammen, weil sie wusste, wie wenig ihre Schwester diese Geste schätze.
“Fast wie in London, habe ich Recht?”
Macie würde nicht beeindruckt sein. In London hatten sie schon Kutschen ohne Pferde besessen. Dampfbetriebene. Faye hätte sie schon aus dem Rollstuhl kippen müssen, um sie noch vom Reden abzuhalten.
“Sicher. Ich kann es kaum erwarten, in einer anderen Maschine mit Rädern zu sitzen. Bringen wir es hinter uns. Bevor die Einheimischen uns überfallen und in den Dschungel verschleppen.”
Alfred lachte.
Viele Männer fanden Macie aus irgendeinem Grund amüsant. Vielleicht bot der Rollstuhl eine Art außergewöhnlich starken Welpenschutz, der sich leider nicht auf Faye übertrug. Wenn sie vorlaut war, fanden Männer das selten zum Lachen. Sie hatte das ausprobiert.
“Keine Angst, kleine Lady! Die Eingeborenen sind vollkommen harmlos.”
Kleine Lady. Macie war sechzehn und damit im heiratsfähigen Alter. Faye fragte sich, wieviele Punkte Alfred noch bei ihr verlieren wollte. Es war nicht ausgeschlossen, dass ihre Schwester irgendwo ein Buch unter ihren Röcken versteckte, das sie nach ihm werfen konnte.
“Die Burschen bleiben lieber für sich”, sagte Alfred. “Halten sich alle wesentlich weiter im Zentrum der Insel auf.”
“Warum?”, fragte Macie provozierend. “Schüchterne Gastgeber oder Gejagte?”
“Weder noch. Nur ein primitives und abergläubisches Völkchen. Die Spanier, die sich hier eingenistet haben, werden wir vermutlich schwerer los als die Einheimischen. Die Hafenstadt platzt aus allen Nähten! Ihr werdet noch froh sein, etwas außerhalb zu wohnen.”
Macie setzte zweifelsohne zu einer wenig freundlichen Erwiderung an, aber Faye schob sie mit einem entschuldigenden Lächeln zur Kutsche, bevor die Situation eskalieren konnte.
Ihr Vater half Miss Clayton beim Einsteigen, wie der Gentleman, der er war. Ihr imposantes Kleid gestaltete das unnötig schwierig.
Sogar auf den Sitzen hatten die Diener einige Gepäckstücke gestapelt. Neben die Gouvernante würde höchstens der zusammengeschobene Rollstuhl passen. Der Platz ihr gegenüber reichte auch nicht für vier Personen.
“Macie darf neben den Kutscher”, sagte Vater. “Wir passen schon alle hinein, keine Sorge!”
Fayes Lächeln schmerzte allmählich vor Anstrengung. Sie würde also rückwärts fahren. Eingequetscht zwischen Alfred und ihrem Vater. Kein Problem.
Macie warf Alfred einen warnenden Blick zu, bevor sie Faye auffordernd die Hände entgegenstreckte und sich von ihr aus dem Rollstuhl heben ließ. Sie war schwerer als sie aussah, aber Faye trug sie schon seit sie Kinder waren. Ihr machte es nichts aus, auch wenn Miss Clayton und Vater das inzwischen nicht mehr gerne sahen. Faye wäre zu alt dafür. So etwas wäre nicht damenhaft. Aber ein Rollstuhl war auch nicht damenhaft.
“Du solltest vorn sitzen”, flüsterte Macie verschwörerisch.
Faye musste sich verhört haben. Wollte ihre kleine Schwester etwa Dankbarkeit zeigen?
“Wirklich?”
“Du kannst dir Wege besser merken als ich. Erscheint mir klüger, eine von uns kundschaftet den Fluchtweg aus. Ich versuche solange, etwas Nützliches über dieses Kaff herauszufinden.”

***

Da Faye seit der Schiffsreise genug davon hatte, eingepfercht zu sein, zögerte sie nicht lange. Doch sie bereute ihre Entscheidung schon, als die Pferde sich klackernd in Bewegung setzten.
Die Leute, die beiseite treten mussten, um die Kutsche durchzulassen, tuschelten aufgeregt und starrten – Faye hatte sich praktisch auf den Präsentierteller gesetzt.
Macie hätte sich bestimmt all die Gesichter merken können, doch für sie war schon der Versuch ein verlorenes Unterfangen. Seltsam, dass sie in manchen Situation unsichtbar sein wollte und es sie in anderen totunglücklich machte, dass sie niemand sah.
Je weiter die Kutsche sich vom Hafenviertel entfernte, desto verstreuter wurde der Menschenstrom und umso wilder und unbefestigter wurde das Gelände. Schlichte Häuserfassaden wichen Hütten, wichen alten Mauern, wichen Bäumen und Felsen. Pflanzen gedeihten hier, die Faye noch nie gesehen hatte.
Die belebte Pflastersteinstraße verwandelte sich in einen holprigen und einsamen Sandweg. Faye wurde nicht nur einmal gründlich durchgerüttelt, weil ein Rad mit irgendeinem Stein oder einer verirrten Wurzel kollidierte.
Selbst der Sonnenuntergang verlief schneller auf der Insel. Als wollte er ihr zurufen, dass sie keine Zeit mehr hatte. Bald war der Himmel königsblau und erste Sterne glitzerten fahl auf ihren Plätzen. Sie waren fast eine Stunde unterwegs, als das Anwesen endlich in Sichtweite kam.
Faye hatte sich Gedanken über ihr neues, wenn auch nur vorübergehendes, Zuhause gemacht. Vater hatte ihnen ein tropisches Inselparadies versprochen, aber in ihrem Horror hatte sie sich einen Tempel vorgestellt, der mit Ranken und Moos überwachsen war. Ein dunkler Ort, an dem man sich mit einem Säbel durch das hohe Gras kämpfen musste, um seine feuchte Strohmatte zu erreichen. Sie hatte nicht erwartet, dass sie dem Meer so nahe sein würden.
Der Ort war tatsächlich vollkommen abgeschieden. Mit ihren anderen Vorstellungen lag sie jedoch meilenweit daneben.
Es gab keine Ranken oder moosige Säulen, aber hinter der Villa türmten sich Laubbäume den Berghang hinauf. Die bunte Pflanzenvielfalt, die Faye heimlich am Wegesrand bewundert hatte, endete abrupt. Hier gab es keine Blumen. Keinen Garten wie in London. Nur Wasser und Stein und das blasse Mondlicht auf dem endlosen Ozean.
Auf dem kargen Felsen wollte nichts wachsen und Faye konnte das gut verstehen.
Das Haus stand nicht nur nahe der Klippen, es war Teil der Klippen. Die oberen Türme wirkten weich wie Sand und seltsam fremd mit den flachen Dächern und Balkonen und den halbrunden hohen Fenstern. Der untere Bereich der Villa bestand aus denselben groben Steinen wie die spitzen Felsen, die aus dem Meer ragten. Die Wellen schlugen mit einer Kraft gegen die Grundmauern, als würden sie die Villa ebenso hassen, wie die Schwestern es taten.

***

Vaters Augen leuchteten mit der Neugier eines begeisterten Schuljungen. Er nannte das Gebäude ein Bollwerk der Baukunst, als er aus der Kutsche stieg. Faye hätte eine andere Bezeichnung gewählt. Todesfalle. Wie sollte ihre Schwester den Rollstuhl jemals ohne Hilfe über diesen unebenen Weg lenken?
Vater setzte Macie zurück in ihr Gefährt und weil Miss Clayton beschäftigt war, ihr Kleid vom Schmutz fernzuhalten, nahm Faye routiniert den Platz hinter ihrer Schwester ein, um sie zu schieben.
Die Männer eilten in ihrem redseligen Eifer voraus und Macie stopfte ihr Buch mit den ausgefransten Kanten neben sich in den Sitz. Sie hatte also wirklich ein Buch versteckt.
“Nicht mehr so begeistert von Vaters Plänen?”, fragte sie säuerlich.
Faye seufzte geschlagen. Es war anstrengend, unparteiisch zu bleiben, um einen Frieden zu wahren, der nicht existierte. Jetzt war ohnehin alles zu spät. Jetzt waren sie hier.
“Vater weiß schon, was er tut”, wiederholte sie dennoch die alte Leier. Ihr fehlte es an Enthusiasmus.
“Richtig, wenn er das nächste Mal mit uns überfordert ist, kann er mich problemlos von der Klippe rollen.”
Faye lachte trocken und trat einen Stein unter dem Rad aus dem Weg.
“Bring ihn besser nicht auf solche Ideen.”
Sie hätten das Kichern ein letztes Mal genießen sollen, denn allzuviel zu Lachen sollte sich ihnen nicht bieten. Die Villa sah von Innen nicht weniger fremd und eigentümlich aus. Als wären sie ins Innere eines Sandschlosses marschiert. Wenigstens hell genug zum Nähen würde es wohl sein, wenn der Tag anbrach, denn die Fenster waren so hoch, dass es schon grotesk wirkte. Das wenige Mobiliar, das hier stand, war alt, sandig und entbehrte jeden Charmes. Nur die hässlichen karierten Vorhänge, die sie aus London mitgebracht hatten, säumten schon die Fenster. Sie waren zu kurz und passten nicht hierher. Genauso wenig wie Macie und Faye.
Bei der Vorstellung, dass ihre kleine Schwester die nächsten Jahre in diesem Haus gefangen sein würde, wurde ihr flau im Magen. Eine Dschungelhöhle war wenigstens aufregend. Hier langweilten sie sich jetzt schon.
Vater ließ sich mit wachsender Begeisterung von Alfred durch das Haus führen.
“Fabelhaft! Wirklich, ganz erstaunlich”, rief er. “Ich hätte nicht mit so einer raffinierten Architektur gerechnet. Würdest du die Mädchen in ihre Zimmer begleiten, Lilly?”
Miss Clayton errötete. Etwas, das sie nur selten tat. Eigentlich nur, wenn Vater sie Lilly nannte.
Alfred zwirbelte selbstzufrieden an seinem Schnurrbart herum und Faye fragte sich, wie die nächste Katastrophe aussah, als sie den Fuß einer breiten Treppe erreichten, die sich oben in zwei Richtungen verzweigte. Sie musste nicht lange warten.
Macie sollte ein Zimmer im Erdgeschoss bekommen. Getrennt von ihr.
“Auf keinen Fall!”, sagten die Schwestern im Chor.
Macie ließ Miss Clayton keine Zeit, um nach Worten zu ringen.
“Wir haben uns in London immer ein Zimmer geteilt!”
“Deswegen wird es höchste Zeit”, sagte Miss Clayton. “Junge Damen in Ihrem Alter sollten nicht pausenlos aufeinanderhocken. Sie sind beide erwachsen und Sie müssen langsam anfangen, sich auch so zu benehmen. Das gilt besonders für Sie, Miss Macie.”
Fayes Finger schlossen sich so fest um den Griff des Rollstuhls, dass es schmerzte. Sie war dankbar, dass ihre Schwester die Worte fand, die ihr fehlten.
“Sie vergessen, dass ich auf Fayes Hilfe angewiesen bin. Ich kann nicht laufen. Ich glaube nicht, dass sich das ändert, indem Sie uns zur Selbstständigkeit erziehen.”
Miss Clayton zog sich die Seidenhandschuhe von den Fingern und stemmte die schmalen Fäuste in die Hüften.
“Sie können nach einem Diener läuten, wenn Sie Hilfe benötigen. Ihre Schwester ist nicht Ihr persönlicher Leibeigener. Wenn ich mich denn so deutlich ausdrücken muss… Ich will in dieser Sache keine Widerworte hören. Sie haben Ihrem Vater schon genug Kummer bereitet.”
“Ich schlafe nicht mit den Dienern auf einer Etage! Das wäre ein Skandal!”
Daraufhin war Miss Clayton einen Moment still. Faye konnte ihr ansehen, dass sie die Angelegenheit aus diesem Winkel noch nicht betrachtet hatte. Sie folgte nur Vaters Befehlen – wie Faye. Und Vater folgte Alfreds klugen Ratschlägen. Faye schmeckte die Chance fast auf der Zunge. Die Sache war noch biegsam.
“Sie könnte mein Zimmer haben”, sagte sie. “Aber wenn ich im Erdgeschoss schlafe… als frisch Verlobte-”
“Nein, auf gar keinen Fall. Wir wollen so wenig Aufhebens wie möglich machen und Sie wissen genau, warum. Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Mit den Treppen und dem Rollstuhl? Im alten Anwesen hatten wir ja immerhin einen Aufzug im Haus.”
Sie klang genauso wehmütig wie Macie, wenn sie von zu Hause sprach. Ihrem echten Zuhause.
“Dann baue ich einen Aufzug”, sagte Macie entschlossen.
“Sie sind unmöglich. Fein. Wenn Sie dann kein Theater mehr veranstalten, folgen Sie mir, bitte.”
Miss Clayton schwebte mit gerafften Röcken voraus. Für sie war eine Treppe kein unüberwindbares Hindernis. Faye kam, mit Macie auf den Armen, deutlich langsamer und auch weniger grazil voran, aber sie beschwerte sich nicht. Sie beschwerte sich nie.
Ein Diener, der zum neuen Personal gehörte, brachte Macies Rollstuhl, aber Faye setzte sie auf das Himmelbett, das mitten im Raum stand. Es war frisch bezogen. Ein Schreibtisch mit einem für ihre Schwester wohl überflüssigen Holzstuhl und ein Kleiderschrank. Sonst gab es nicht viel zu sehen. Macies Koffer würden hier drin kaum Platz finden. Selbst für die Kisten, die mit Fayes – weitaus spärlicheren – Habseligkeiten beschriftet waren, wurde es eng und diese waren nur unsortiert im Raum verteilt. Was für eine Schlamperei. Macie würde mit dem spanischen Personal ihre helle Freude haben.
Miss Clayton stellte sich auf die Türschwelle und erinnerte sie an einen Gefängniswärter.
“Miss Faye, Sie beziehen dann mein Zimmer am Ende des Gangs. Und keine Widerrede.”
Faye gab ihr keine.
Auch wenn Miss Clayton es nicht aussprach, bedeutete der Kompromiss für sie, unten schlafen zu müssen, in dem Zimmer, das für Macie vorgesehen war – und damit weiter weg von ihnen und ihrem Vater. Es musste ihr schwer fallen und Faye bewunderte ihre gespielte Gleichgültigkeit.
“Wenn Sie sich erfrischt haben und etwas Ruhe finden konnten, kommen Sie gemeinsam nach unten. Ich werde Anweisungen für das Abendessen übermitteln.”
“Danke, Miss Clayton.”
Macie nickte höflich und die Gouvernante knickste mit einem erschöpften, aber zufriedenen Lächeln.

***

Natürlich konnte Faye nicht schlafen. Alleine auf ihrem neuen, alten Bett, in ihrem dünnen Nachtkleid fühlte sie sich zerrissener als je zuvor. Die Anspannung beim Abendessen war kaum zu ertragen gewesen und sie fragte sich, ob die Luft vom Meer ihre Tränen trocknen würde, wenn sie sich erlaubte, zu weinen. Der Nachtwind ließ die durchsichtigen Gardinen vor den Fenstern schwingen und Faye starrte ins Nichts und wartete.
Sie wartete eine Ewigkeit. Bis auch das letzte Licht im Flur erlosch, das sich durch den Spalt unter ihrer Tür quetschte.
Erst als die Wellen draußen das einzige Geräusch waren, schlug sie die Decke zurück und tapste auf nackten Füßen durch die fremde Dunkelheit. Die ungewohnten Konturen machten den Flur länger und beklemmender. Der Eigentümer vor ihnen hatte anscheinend eine Vorliebe für antike Schusswaffen gehabt, aber ihr Vater würde die Ausstellungsstücke sicher bald durch neue Modelle ersetzen. Vielleicht fanden sich hier auch bald die gaffenden Portraits ihrer adligen Vorfahren und Bilder von Gärten, die sie nicht mehr bewohnten.
Faye schob vorsichtig die Tür zu dem Zimmer auf, das vor ein paar Stunden ihr gehören sollte. Macie war noch wach und hatte die hübsche Nase in ein Buch vergraben.
Die Kerze auf ihrem improvisierten Nachttisch flackerte in der schwachen Brise, die Faye aus dem Korridor mitbrachte. Macie hatte irgendwie auf zwei aufeinander gestapelten Kisten einen Handspiegel, ihre Haarbürste, Puder und drei Bücher untergebracht. Mond und Sternenlicht hatte sie mit Leinentüchern ausgesperrt.
Als Faye sich räusperte, um sich bemerkbar zu machen, schlug Macie ohne Aufzusehen das dünne Laken zurück, das sie statt einer Bettdecke gewählt hatte. Dankbar kroch Faye darunter und machte es sich bequem.
Im selben Bett hatten sie nicht mehr geschlafen, seit sie Kinder waren. Aber schon die Wärme, die Macie ausstrahlte, hatte etwas Beruhigendes. Ein vertrautes Gefühl in all den fremden Ausweglosigkeiten.
“Habe ich dich beim Lesen gestört?”
“Nein. Ich bezweifle, dass Romeo und Julia dieses Mal anders ausgeht. Du musst mir morgen dringend helfen, meine anderen Bücher auszupacken.”
Faye nickte und nahm ihr das Buch ab, um es auf den Stapel zu den anderen zu platzieren, ehe sie die Kerze ausblies. Sie legte den Arm um ihre Schwester und schwieg, aber es war keine heitere Stille.
“Kannst du auch nicht schlafen?”, fragte Faye leise.
Macie seufzte.
“Du stellst die dümmsten Fragen, Schwesterchen. Ich habe im Moment genug Sorgen, die mich wach halten können – glaubst du nicht?”
Faye umarmte sie fester. Sie wirkte so zart. Als könnte sie zerbrechen, wenn Faye nicht aufpasste.
“Möchtest du darüber reden?”
“Es gibt nichts zu reden. Ich konnte nichts Sinnvolles über Alfreds Pläne in Erfahrung bringen. Nichts, das Vater bewegen würde, umzukehren. Alfred ist schlimmer als ein altes Klatschweib. Redet ununterbrochen und sagt rein gar nichts. Sie haben über die Kolonie gesprochen. Alfred tut, als wären Vaters kühnste Träume in Erfüllung gegangen und niemand denkt an uns. Wieso konnten wir nicht einfach daheim bleiben? Egal, was die Leute sagen?”
Faye hatte gehofft, die Nähe zueinander könnte die Sorgen ein wenig mildern. Aber hier lagen sie und zerbrachen sich immer noch den Kopf.
Ihren Vater zum Umkehren zu bewegen, wurde immer aussichtsloser. Eine Flucht praktisch ausgeschlossen. Vater würde an neuen Projekten arbeiten. Macie würde neue Lehrer bekommen. Faye… Nein, sie wollte nicht darüber nachdenken, was mit ihr passieren würde.
“Alles wird gut”, flüsterte sie, ohne es selbst zu glauben, und strich Macie durchs Haar.
“Und du stinkst”, murmelte Macie und legte ebenfalls den Arm um sie. Faye musste trotz aller Bitterkeit lachen.
“Du stinkst selbst.”
Das Schweigen dauerte an.
Sie spürte an ihren Atemzügen, dass Macie endlich in den Schlaf glitt. Ihr Haar duftete nach Lavendel, aber Faye fand trotzdem noch lange keine Ruhe. Ihre Schwester brauchte sie. Sie war die Einzige, die wollte, dass sie bei ihr blieb.
Sie wünschte sich nichts sehnlicher als die zündende Idee, mit der sie morgen in ihren richtigen Betten aufwachten.
Aber Macie war diejenige mit den Ideen.
Fayes Pläne scheiterten stets.

Fortsetzung auf Amazon lesen…


Vielen Dank fürs Lesen! Ich hoffe, das erste Kapitel hat euch gefallen! Die ganze Novella gibt es jetzt als E-Book auf Amazon.

Eine Taschenbuchausgabe ist in Form von Sammelbänden geplant (dann gibt es 3 Novellas in einem Buch) Allerdings dauert das noch ein ganzes Weilchen – bis zur zweiten Jahreshälfte 2019 vermutlich. Deswegen danke ich allen, die mich jetzt schon unterstützen möchten tausendfach. Ich werde mein Möglichstes geben, damit ihr bald ein hübsches Buch in den Händen haltet 🙂

Scarlett